Mandarin Oriental Savoy

78 | 79 W. Somerset Maugham – Vom Wert der Freiheit |  Du 932 Ehrendamen den toten Papagei begraben hatten, liessen sie den Käfig an seinem alten Platz. Plötzlich hörte September ein Zwitschern direkt hin- ter ihremOhr, und sie sahdenkleinenVogel auf ihrer Schul­ ter sitzen. Er war so leise hereingekommen und so sanft ge- landet, dass sie ihn nicht gehört hatte. «Ich habe mich gefragt, was aus dir geworden ist», sagte die Prinzessin. «Ich dachte, du würdest dich das fragen», sagte der kleine Vogel. «Tatsächlich wäre ich heute Abend fast gar nicht zurückgekommen. Mein Schwiegervater gab eine Party, und alle wollten, dass ich bleibe, aber ich dachte, du würdest dir Sorgen machen.» Unter den Umständen war dies eine sehr unglück- liche Bemerkung des kleinen Vogels. September fühlte, wie ihr Herz heftig gegen ihre Brust pochte, und sie beschloss, keine Risiken mehr einzu- gehen. Sie hob die Hand und nahmden Vogel. Daranwar er gewöhnt, und sie mochte es, sein Herz so schnell in der hohlen Hand schlagen zu fühlen, und glaubte, er mochte die sanfte Wärme ihrer kleinen Hand. Also befürchtete der Vogel nichts und war so überrascht, als sie ihn zum Käfig trug, ihn hineinschob und die Tür hinter ihm schloss, dass er für einen Moment nichts sagen konnte. Doch nach einemAugenblick hüpfte er auf die Elfen- beinstange und sagte: «Ist das ein Witz?» «Nein, keinWitz», sagte September, «aber einige von Mamas Katzen streunen heute Nacht herum, und ich den­ ke, du bist da drin viel sicherer.» «Ich verstehe nicht, warum die Königin all diese Kat- zen haben will», sagte der kleine Vogel ziemlich mürrisch. «Nun, es sind sehr spezielle Katzen», sagte die Prin- zessin, «sie haben blaue Augen und einen Knick im Schwanz, und sie sind eine Besonderheit der königlichen Familie, wenn du verstehst, was ich meine.» «Vollkommen», sagte der kleine Vogel, «aber warum hast dumich indiesenKäfig gesteckt, ohne etwas zu sagen? Ich glaube nicht, dass das der richtige Ort für mich ist.» «Ich hätte die ganze Nacht kein Auge zugemacht, wenn ich nicht gewusst hätte, dass du in Sicherheit bist.» «Nun, dieses eineMal habe ichnichts dagegen», sagte der kleine Vogel, «solange dumichmorgen früh rauslässt.» Er ass ein sehr gutes Abendessen und begann dann, zu singen. Aber mitten in seinem Lied hörte er auf. «Ich weiss nicht, was mit mir los ist», sagte er, «aber ich habe heute Abend keine Lust zu singen.» «Sehr gut», sagteSeptember, «dannschlaf stattdessen.» Also steckte er seinen Kopf unter seinen Flügel und war in einer Minute fest eingeschlafen. September schlief auch ein. Aber als die Morgen- dämmerung anbrach, wurde sie vom kleinen Vogel ge- weckt, der sie mit lauter Stimme rief: «Wach auf, wach auf», sagte er. «Öffne die Tür dieses Käfigs und lass mich hinaus. Ich möchte fliegen, solange der Tau noch auf dem Boden liegt.» «Du bist dort, wo du besser aufgehoben bist», sagte September. «Du hast einen wunderschönen goldenen Kä- fig. Er wurde von dem besten Handwerker im Königreich meines Vaters gemacht, und mein Vater war so zufrieden damit, dass er ihm den Kopf abschlug, damit er nie wieder einen solchen Käfig machen kann.» «Lassmichraus, lassmichraus», sagteder kleineVogel. «Du wirst jeden Tag drei Mahlzeiten bekommen, ser- viert vonmeinen Ehrendamen; du hast nichts, worüber du dir Sorgenmachenmusst, vonmorgens bis abends, und du kannst nach Herzenslust singen.» «Lass mich raus, lass mich raus», sagte der kleine Vogel. Er versuchte, durch die Gitterstäbe des Käfigs zu schlüpfen, aber natürlich konnte er es nicht, er schlug ge- gen die Tür, aber natürlich konnte er sie nicht öffnen. Dann kamen die acht Prinzessinnen herein und sa- hen ihn an. Sie sagten September, dass es sehr klug von ihr sei, ihren Rat zu befolgen. Sie sagten, der Vogel würde sich bald an den Käfig gewöhnen, und in ein paar Tagen würde er ganz vergessen, dass er jemals frei war. Der kleine Vogel sagte überhaupt nichts, während sie da waren, aber sobald sie gegangen waren, begann er wie- der zu rufen: «Lass mich raus, lass mich raus.» «Sei nicht so ein alberner Kerl», sagte September. «Ich habe dich nur in den Käfig gesteckt, weil ich dich so gernhabe. Ich weiss, was gut für dich ist, viel besser, als du es selbst weisst. Sing mir ein kleines Lied, und ich gebe dir ein Stück braunen Zucker.» Aber der kleine Vogel stand in der Ecke seines Käfigs, schaute hinaus in den blauen Himmel und sang keinen einzigen Ton; den ganzen Tag nicht. «Was hat es für einen Sinn, beleidigt zu sein?», sagte September. «Warum singst du nicht und vergisst deine Sorgen?» «Wie soll ich singen?», antwortete der Vogel. «Ich möchte die Bäume sehen und den See und den grünenReis, der auf den Feldern wächst.» «Wenn das alles ist, was du willst, nehme ich dich mit auf einen Spaziergang», sagte September. Sie nahm den Käfig und ging hinaus. Sie ging zum See, umden dieWeidenbäume wuchsen, und sie stand am Rand der Reisfelder, die sich so weit erstreckten, wie das Auge sehen konnte. für Savoy

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