Mandarin Oriental Savoy
80 | 81 W. Somerset Maugham – Vom Wert der Freiheit | Du 932 «Ich werde dich jeden Tag mitnehmen», sagte sie. «Ich liebe dich und möchte nur, dass du glücklich bist.» «Das ist nicht dasselbe», sagte der kleine Vogel. «Die Reisfelder, der See und die Weidenbäume sehen ganz anders aus, wenn man sie durch die Gitterstäbe eines Käfigs sieht.» Also brachte sie ihn wieder nach Hause und gab ihm sein Abendessen. Aber er wollte nichts essen. Die Prinzes- sin war darüber etwas besorgt und fragte ihre Schwestern, was sie davon hielten. «Du musst hart bleiben», sagten sie. «Aber wenn er nichts isst, wird er sterben», antwor- tete sie. «Das wäre sehr undankbar von ihm», sagten sie. «Er muss doch wissen, dass du nur zu seinemBesten handelst. Wenn er stur ist und stirbt, geschieht es ihm recht, und du bist ihn los.» September sah nicht, wie ihr das viel nützen würde, aber sie waren acht gegen eine und alle älter als sie, also sagte sie nichts. «Vielleicht hat er sich bis morgen an seinen Käfig gewöhnt», sagte sie. Und amnächsten Tag, als sie aufwachte, rief sie fröh- lich: «Guten Morgen!» Sie bekam keine Antwort. Sie sprang aus dem Bett und rannte zumKäfig. Sie stiess einenerschrockenenSchrei aus, denn dort lag der kleine Vogel, auf der Seite, mit ge- schlossenen Augen, und er sah aus, als wäre er tot. Sie öff- nete die Tür und hob ihn mit ihrer Hand heraus. Sie stiess einen Seufzer der Erleichterung aus, denn sie spürte, dass sein kleines Herz immer noch schlug. «Wach auf, wach auf, kleiner Vogel», sagte sie. Sie begann zu weinen, und ihre Tränen fielen auf den kleinen Vogel. Er öffnete die Augen und spürte, dass die Gitter des Käfigs nicht mehr um ihn herumwaren. «Ich kann nicht singen, wenn ich nicht frei bin, und wenn ich nicht singen kann, sterbe ich», sagte er. Die Prinzessin stiess einen lauten Schluchzer aus. «Dann nimm deine Freiheit», sagte sie. «Ich habe dich in einen goldenen Käfig gesperrt, weil ich dich liebte und dich ganz für mich haben wollte. Aber ich wusste nicht, dass es dich umbringen würde. Geh. Flieg zu den Bäumen am See und flieg über die grünen Reisfelder. Ich liebe dich genug, um dich auf deine eigene Weise glücklich sein zu lassen.» Sie öffnete das Fenster und setzte den kleinen Vogel sanft auf das Fensterbrett. Er schüttelte sich ein wenig. «Komm und geh, wie du willst, kleiner Vogel», sagte sie. «Ich werde dich nie wieder in einen Käfig sperren.» «Ich werde kommen, weil ich dich liebe, kleine Prin- zessin», sagte der Vogel. «Und ich werde dir die schönsten Lieder singen, die ich kenne. Ich werde weit weg fliegen, aber ich werde immer zurückkommen, und ich werde dich niemals vergessen.» Er schüttelte sich noch einmal. «Gütiger Himmel, wie steif ich bin», sagte er. Dann breitete er seine Flügel aus und flog direkt in den blauen Himmel. Aber die kleine Prinzessin brach in Tränen aus, denn es ist sehr schwer, das Glück von jeman- dem, den man liebt, über das eigene zu stellen. Plötzlich fühlte sie sich sehr einsam. Als ihre Schwestern erfuhren, was geschehen war, verspotteten sie sie und sagten, der kleine Vogel würde nie zurückkehren. Aber schliesslich kam er doch zurück. Und er sass auf Septembers Schulter, frass aus ihrer Hand und sang ihr die wunderbaren Lieder, die er gelernt hatte, als er all die schönen Orte der Welt anflog. September liess ihr Fenster Tag und Nacht offen, damit der kleine Vogel jederzeit in ihr Zimmer kommen konnte, wenn er wollte, und das tat ihr sehr gut; so wur de sie ausserordentlich schön. Und als sie alt genug war, heiratete sie den König von Kambodscha und wurde auf einem weissen Elefanten in die Stadt getragen, in der er lebte. Aber ihre Schwestern liessen ihre Fenster nie offen, sodass sie ausserordentlich hässlich und ebenso unange- nehm wurden, und als die Zeit kam, sie zu verheiraten, wurden sie den Räten des Königsmit einemPfund Tee und einer siamesischen Katze übergeben. W. Somerset Maugham, 1874 in Paris geboren, studierte Deutsch, Literatur und Philosophie in Heidelberg und später in London Medizin. Schon während seines Studiums in London veröffentlichte er 1897 seinen ersten Roman, Liza of Lambeth. Im Ersten Weltkrieg war er für den britischen Geheimdienst MI 6 tätig und schrieb sein wohl bekanntestes Buch, Of Human Bondage ( 1915 ). Bis zu seinem Tod 1965 folgten über dreissig Theaterstücke, neunzehn Roman und unzählige Kurzgeschichten, Essays und Reiseberichte, die er während und nach seinen zahlreichen Reisen in die USA, durch Europa und Asien verfasste.
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NzM1NTM1