Mandarin Oriental Savoy

76 | 77 W. Somerset Maugham – Vom Wert der Freiheit |  Du 932 Bad in ihrer Untertasse. Er trank auch daraus. Die Ehren­ damen sagten, sie fänden es nicht sehr höflich, das Bade- wasser zu trinken, aber die Prinzessin September sagte, das sei der künstlerische Charakter. Nachdemer sein Früh- stück beendet hatte, begann er wieder so wunderschön zu singen, dass die Ehrendamen ganz erstaunt waren, denn sie hatten noch nie etwas Vergleichbares gehört, und die Prinzessin September war sehr stolz und glücklich. «Jetzt möchte ich dich meinen acht Schwestern zei- gen», sagte die Prinzessin. Sie streckte den ersten Finger ihrer rechtenHand aus, sodass er als Sitzstange diente, und der kleine Vogel flog herunter und setzte sich darauf. Dann ging sie, gefolgt von ihren Ehrendamen, durch den Palast und besuchte jede der Prinzessinnender Reihe nach, beginnendmit Januar, denn sie achtete auf Etikette, und weiter bis hinunter zu August. Für jede der Prinzessinnen sang der kleine Vogel ein an­ deres Lied. Die Papageien hingegen konnten nur «Gott schütze den König» und «Pretty Polly» sagen. Schliesslich zeigte sie den kleinen Vogel dem König und der Königin. Sie waren überrascht und erfreut. «Ich wusste, dass ich recht hatte, dich ohne Abend- essen ins Bett zu schicken», sagte die Königin. «Dieser Vogel singt viel besser als die Papageien», sagte der König. «Ich hätte daran denken sollen, dass du es leid bist, dass die Leute immer wieder ‹Gott schütze den König› sagen», erwiderte die Königin. «Ich kann nicht verstehen, warum die Mädchen ihren Papageien das auch noch bei- bringen wollten.» «Deine Gedanken sind lobenswert», sagte der König, «aber es störtmich nicht, wie oft ich es höre. Allerdings bin ich es leid, diese Papageien ‹Pretty Polly› sagen zu hören.» «Sie sagen es in sieben verschiedenen Sprachen», meinten die Prinzessinnen. «Das mag sein», sagte der König, «aber es erinnert mich zu sehr an meine Räte. Sie sagen immer wieder das- selbe auf sieben verschiedene Arten, und es bedeutet in keiner irgendetwas.» Die Prinzessinnen mit ihrem verbitterten Charakter waren verärgert über den Gesang des Vogels, und die Papa- geien sahen sehr betrübt aus. Aber Prinzessin September lief durch alle Zimmer des Palastes und sang wie eine Lerche, während der kleine Vogel um sie herumflog und wie eine Nachtigall sang, die er tatsächlich war. So ging esmehrere Tage, dann steckten die acht Prin- zessinnen die Köpfe zusammen. Sie gingen zu September, setzten sich im Kreis um sie herum und versteckten ihre Füsse, wie es sich für siamesische Prinzessinnen gehört. «Meine arme September», sagten sie. «Es tut uns leid umden Tod deines schönen Papageis. Esmuss schrecklich für dich sein, keinen Haustiervogel zu haben wie wir. Also habenwir unser Taschengeld zusammengelegt undwollen dir einen wunderschönen grün-gelben Papagei kaufen.» «Danke für nichts», sagte September. (Das war nicht sehr höflich von ihr, aber siamesische Prinzessinnen sind manchmal etwas schroff zueinander.) «Ich habe einen Haustiervogel, der mir die schönsten Lieder singt, und ich weiss nicht, was ichmit einemgrün-gelben Papagei anfan- gen sollte.» Januar schniefte, dann schniefte Februar, dann schniefte März; tatsächlich schnieften alle Prinzessinnen, aber in der richtigen Reihenfolge. Als sie fertig waren, fragte September sie: «Warum schnieft ihr? Habt ihr alle Schnupfen?» «Nun, meine Liebe», sagten sie, «es ist absurd, von deinemVogel zu sprechen, wenn der kleine Kerl rein- und rausfliegt, wie es ihm beliebt.» Sie sahen sich im Zimmer um und zogen ihre Augenbrauen so hoch, dass ihre Stirn jeweils völlig verschwand. «Ihr werdet schreckliche Falten bekommen», sagte September. «Stört es dich, wenn wir fragen, wo dein Vogel jetzt ist?», fragten sie. «Er ist zu seinem Schwiegervater gegangen», sagte die Prinzessin September. «Undwas lässt dich glauben, dass er zurückkommt?», fragten die Prinzessinnen. «Er kommt immer zurück», sagte September. «Nun, meine Liebe», sagten die acht Prinzessinnen, «wenn du auf unseren Rat hörst, wirst du kein Risiko ein- gehen. Wenn er zurückkommt – und denke daran, wenn er das tut, hast du Glück –, steck ihn in den Käfig und halte ihn dort. Das ist die einzigeMöglichkeit, wie du sicher sein kannst, dass er bleibt.» «Aber ich mag es, wenn er im Zimmer herumfliegt», sagte die Prinzessin September. «Sicherheit zuerst», sagten ihre Schwestern düster. Sie standen auf, verliessen das Zimmer, schüttelten ihre Köpfe und liessen September sehr unruhig zurück. Es schien ihr, als wäre der kleine Vogel schon lange fort, und sie konnte sich nicht vorstellen, was er gerade tat. Es könn­ te ihm etwas zugestossen sein. Es gab Falken und Männer mit Schlingen. So wusste man nie, in welche Schwierigkei- ten er geraten könnte. Ausserdem könnte er sie vergessen oder Gefallen an jemand anderemfinden; daswäre schreck­ lich. Oh, sie wünschte, er wäre sicher zurück und in dem goldenen Käfig, der leer war und bereitstand. Denn als die

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