Mandarin Oriental Savoy

74 | 75 W. Somerset Maugham – Vom Wert der Freiheit |  Du 932 D er König von Siamhatte zwei Töchter, er nannte sie Nacht und Tag. Dann bekam er zwei weitere, also änderte er die Namen der ersten und nannte die vier nach den Jahreszeiten. Frühling und Herbst, Winter und Sommer. Dochmit der Zeit bekamer drei weitere, und er änderte ihre Namen erneut und nannte alle sieben nach den Wochentagen. Aber als seine achte Tochter geboren wurde, wusste er nicht, was er tun sollte, bis ihmplötzlich die Monate des Jahres einfielen. Die Königin sagte, es gebe nur zwölf, und es verwirre sie, sich so viele neue Namen merken zu müssen, aber der König hatte einen systema­ tischen Geist, und wenn er sich einmal etwas ausgedacht hatte, konnte er es nicht ändern, selbst wenn er es wollte. Also änderte er die Namen aller seiner Töchter und nannte sie Januar, Februar, März (natürlich auf Siamesisch), bis er zur jüngsten kam, die August hiess, und die nächste hiess September. «Es bleibennur nochOktober, November undDezem- ber», sagte die Königin. «Und danachmüssenwir von vorn anfangen.» «Nein, dasmüssenwir nicht», sagte der König, «denn ich denke, zwölf Töchter sind genug für jeden Mann, und nach der Geburt der lieben kleinen Dezember werde ich gezwungenermassen deinen Kopf abschlagen müssen.» Er weinte bitterlich, als er das sagte, denn er liebte die Königin sehr. Natürlich machte das die Königin sehr unruhig, denn sie wusste, dass es den König sehr betrü- benwürde, wenn er ihren Kopf abschlagenmüsste. Und es wäre auchnicht besonders angenehmfür sie. Doches stellte sich heraus, dass weder der eine noch der andere sich Sor- gen machen musste, denn September war die letzte Toch- ter, die sie hatten. Danach bekam die Königin nur noch Söhne, die nach den Buchstaben des Alphabets benannt wurden, sodass es lange Zeit keinen Grund zur Sorge gab, da sie erst beim Buchstaben J angelangt war. Nun waren die Töchter des Königs von Siam durch die ständigen Namensänderungen verbittert, und die älte- ren, deren Namen häufiger geändert wurden, waren sogar überaus verbittert. Doch September, die nie etwas anderes als September genannt wurde (ausser von ihren Schwes- tern, die sie aufgrund ihres Grolls mit allerlei Namen be- dachten), hatte eine sehr süsse und charmante Natur. Der König von Siamhatte eine Gewohnheit, die auch in Europa nützlich sein könnte: Anstatt an seinem Ge- burtstag Geschenke zu bekommen, verteilte er welche, und es schien ihm zu gefallen, denn er sagte oft, dass er es bedauere, nur an einem Tag geboren worden zu sein und daher nur einmal im Jahr Geburtstag zu haben. Auf diese Weise schaffte er es im Laufe der Zeit, all seine Hochzeits- geschenke und die Dinge, die ihm die Bürgermeister der siamesischen Städte überreichten, sowie alle seine alten Kronen, die aus der Mode gekommen waren, zu verschen- ken. Eines Jahres, an seinem Geburtstag, hatte er nichts anderes zur Hand, also schenkte er jeder seiner Töchter einen schönen grünen Papagei in einemwundervollen gol- denen Käfig. Es gab neun von ihnen, und auf jedem Käfig stand der Name des Monats, der auch der Name der Prin- zessin war, der der Papagei gehörte. Die neun Prinzessin- nen waren sehr stolz auf ihre Papageien, und sie verbrach- ten jeden Tag eine Stunde damit (denn wie ihr Vater waren sie von systematischer Natur), ihnen das Sprechen beizu- bringen. Bald konnten alle Papageien «Gott schütze den König» sagen (auf Siamesisch, was sehr schwierig ist), und einige von ihnen konnten «Pretty Polly» in nicht weniger als sieben orientalischen Sprachen sagen. Doch eines Ta- ges, als die Prinzessin September ihrem Papagei «Guten Morgen» sagen wollte, fand sie ihn tot auf dem Boden sei- nes goldenen Käfigs liegen. Sie brach in Tränen aus, und nichts, was ihre Ehrendamen sagten, konnte sie trösten. Sie weinte so sehr, dass die Ehrendamen, die nicht wuss- ten, was sie tun sollten, der Königin Bescheid sagten. Diese erwiderte, dieses Verhalten sei Unsinn und die Kleine solle ohne Abendessen ins Bett gehen. Die Ehrendamenwollten zu einer Party, also brachten sie die Prinzessin September so schnell wiemöglich ins Bett und liessen sie allein. Wäh- rend sie in ihremBett lag und immer noch weinte, obwohl sie ein wenig hungrig war, sah sie einen kleinen Vogel in ihr Zimmer hüpfen. Sie nahmden Daumen aus demMund und setzte sich auf. Dann begann der kleine Vogel, zu sin- gen, und er sang ein wunderschönes Lied über den See im Garten des Königs und die Weidenbäume, die sich im stil- lenWasser betrachteten, und die Goldfische, die durch die Äste glitten, die sich darin widerspiegelten. Als er fertig war, weinte die Prinzessin nicht mehr, und sie vergass völ- lig, dass sie kein Abendessen gehabt hatte. «Das war ein sehr schönes Lied», sagte sie. Der kleineVogel verbeugte sich, dennKünstler haben von Natur aus gute Manieren, und sie schätzen es, aner- kannt zu werden. «Möchtest du mich anstelle deines Papageis ha- ben?», fragte der kleine Vogel. «Es stimmt, dass ich nicht so hübsch anzusehen bin, aber ich habe eine viel bessere Stimme.» Die Prinzessin September klatschte vor Freude in die Hände, und dann hüpfte der kleine Vogel ans Ende ihres Bettes und sang sie in den Schlaf. Als sie am nächsten Tag aufwachte, sass der kleine Vogel immer noch da, und als sie die Augen öffnete, sagte er: «Guten Morgen!» Die Ehrendamen brachten ihr Früh- stück herein, und er ass Reis aus ihrer Hand undnahmsein FÜR SAVOY

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