Mandarin Oriental Savoy

72 | 73  Du 932 Das Hotel lag am Fluss. Mein Zimmer war dunkel, eines von vielen, mit einer Veranda auf zwei Seiten; der Wind zog hindurch, trotzdem war es stickig. Der Speisesaal des Hotels war gross und düster, und um der Kühle willen waren die Fenster mit Läden verschlossen. Man wurde von stillen chinesischen Jungen bedient, und ich wusste nicht, warum mich das fade östliche Essen krank machte. Die Hitze von Bangkok war überwältigend. Die Wats (buddhistische Tempel; Anm. der Red.) bedrückten mich mit ihrer grellen Pracht, die mir Kopf- schmerzen bereitete, und ihre fantastischen Verzierungen erfüllten mich mit Unwohlsein. Alles, was ich sah, wirkte zu schrill; die Men- schenmengen auf den Strassen ermüdeten mich, und der ständige Lärm zerrte anmeinen Nerven. Ich fühlte mich sehr unwohl, aber ich war mir nicht sicher, ob das Leiden körperlich oder geistig war (ich misstraue der Sensibilität des Künstlers und habe oft eine Reihe von zart-düsteren Gedanken durch eine kleine Leberpille vertrieben), also mass ichmeine Temperatur. Ich war erschrocken, als ich sah, dass sie 40,5 Grad betrug. Ich konnte es nicht glauben, also wiederholte ich den Vorgang; es blieben 40,5 Grad. Kein Seelenleiden kann so etwas verursachen. Ich ging ins Bett und rief einen Arzt. Er sagte mir, dass ich wahrscheinlichMalaria hätte, nahmetwas Blut zur Untersuchung und kam zurück: «Kein Zweifel, Malaria.» Er gab mir Chinin. Ich erinnerte mich daran, dass am Ende meiner Reise durch Siam ein befehlshabender Offizier darauf bestand, dass ich in seinem Haus übernachte. Er gab mir sein bestes Schlafzimmer und wollte, dass ich in seinemprächtigen europäischen Bett aus lackierter Kiefer schlief. Ich hatte nicht den Mut, ihm zu sagen, dass ich mein eigenes kleines Feldbett mit Moskitonetz vorzog, während seines keins hatte. Die Anopheles-Mücken nutzten die goldene Gelegenheit. Es war anscheinend ein schwerer Anfall, da das Chinin einige Tage lang keine Wirkung auf mich hatte, meine Temperatur stieg auf VomWert der Freiheit Folgende Episode aus W. Somerset Maughams Leben ist seinem Reisebuch The Gentleman in the Parlour entnommen. Der Schriftsteller war, wie viele Literaten, regelmässiger Gast im Mandarin Oriental Bangkok, damals noch Oriental. In diesem Fall kurierte er dort eine Malariaerkrankung aus und erfand, geschwächt auf der Terrasse des Hotels liegend, ein Märchen, das im alten Siam spielt. Text W. SOMERSET MAUGHAM die schwindelerregenden Höhen, die bei Malaria häufig sind, und weder nasse Laken noch Eispackungen senkten sie. Ich lag da, keu­ chend und schlaflos. Formen monströser Pagoden drängten sich in mein Gehirn, grosse vergoldete Buddhas stürzten auf mich ein. Die Holzzimmer mit ihren Veranden erzeugten unerträgliche Geräusche für meine gequälten Ohren, und eines Morgens hörte ich die Mana- gerin des Hotels, eine liebenswürdige Kreatur und gute Geschäfts- frau, mit ihrer gutturalen deutschen Stimme zum Arzt sagen: «Ich kann nicht zulassen, dass er hier stirbt, wissen Sie. Sie müssen ihn ins Krankenhaus bringen.» Und der Arzt antwortete: «In Ordnung. Aber wir warten noch ein paar Tage.» «Nun, warten Sie nicht zulan­ ge», antwortete sie. Dann kam die Krise. Der Schweiss strömte aus mir, sodass bald mein Bett durchweicht war, als hätte ich darin ein Bad genommen, und ein Gefühl des Wohlbefindens kam über mich. Ich konnte leicht atmen. Mein Kopf schmerzte nicht mehr. Und dann, als sie mich auf einen langen Stuhl trugen und ich frei von Schmerzen war, fühlte ich mich ausserordentlich glücklich. Mein Gehirn schienwunderbar klar. Ich war so schwach wie ein neugeborenes Kind und konnte tagelang nichts anderes tun als auf der Terrasse hinter dem Hotel liegen und auf den Fluss schauen. Ich verlor mich gedanklich in Spaziergängen, gesäumt von akkurat geschnittenen Bäumen und Tempeln, düster und prächtig, in ihnenThronsäle, reich an Gold und Edelsteinen, und Apartments, vage duftend, dunkel und kühl, in denen achtlos die sa- genhaften Schätze des Ostens liegen. Und da ich nichts zu tun hatte, ausser auf den Fluss zu schauen und meine Schwäche zu geniessen, die mich glückselig an meinen Stuhl fesselte, erfand ich ein Märchen. Hier ist es: Der englische Dramatiker und Romancier W. Somer­ set Maugham, hier in einem Bild aus dem Jahr 1922 , unternahm zahl­ reiche Reisen nach Asien. Seine Geschichten dre- hen sich um Liebe, Eifer­ sucht und Leidenschaft und spielen immer wieder in Fernost.

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