Mandarin Oriental Savoy
64 | 65 Andreas Augustin – Asiatisches Erbe | Du 932 Hongkong an China, Liam Lambert, ein Philosoph unter den Hote- liers, prägte den unvergesslichen Vergleich, als ich ihn fragte, was ein guter Hotelier für seine Gäste sei: «Wir machen keine Betten … wir weben Träume für Sie. Wir kochen keine Speisen … wir kreieren Erlebnisse für Sie. Wir spülen kein Geschirr … wir bereiten Überraschungen für Sie vor. Wir polieren keine Schuhe … wir verleihen Ihnen Eleganz.» Anfangs stand das Hotel direkt amHafen. Heute hat sich durch Land- gewinnung reclaimed land vor seiner Nase gebildet, wodurch es wei- ter ins Landesinnere gerückt ist. Wer morgens joggen geht, muss nun ein paar Strassen laufen, ehe er das Meer erreicht. Die Morgen- stunden zeigen uns China von seiner sportlichen Seite. Turner am Morgen. Aber auch Tänzer, Martial-Arts-Praktizierende und Gruppen- Aerobics. Auf dem Statue Square vor dem Hotel, entlang der Hafen- mauer und in den raren Parks der Stadt lassen sich täglich Menschen beim Tai-Chi beobachten, beim ruhigen Fluss der Bewegung. Die Ruhe täuscht jedoch nicht über die Nervosität hinweg, die die ehe- malige Kronkolonie heute ergriffen hat. Die geschäftige Betriebsam- keit ist geblieben. Unermüdlich kreuzen die grün-weissen Fähren der Star Ferry von einem Pier zum anderen. Die Taxifahrer mit ihren weissen Micky-Maus-Handschuhen sprechen noch immer kaum Englisch. Auf den wackeligen Bambusgerüsten an den Hochhäusern turnen Bauarbeiter, die genau wissen, dass sie sich blind auf diese alte chinesische Bauweise verlassen können. Bambus mag im Wind schwanken, sogar im Hurrikan – aber er hält, weil er flexibel ist. Das ist sein Geheimnis. Nun aber zur Schwester des Mandarins, zum Oriental in Bang- kok. Die Stadt der Engel war schon immer eine mystische Destina- tion. König Bhumibol regierte scheinbar ewig mit seiner schönen Sirikit im Palast. Heute sitzt ihr Sohn Maha Vajiralongkorn als König Rama X., der zehnte Monarch der Chakri-Dynastie, auf demThron. Etwas flussabwärts, am Mae Nam Chao Phraya, der «Mutter al- ler Wasser», steht das, was alle kurz Oriental nennen. Es ist das älteste Hotel Thailands, an der ältesten Strasse Bangkoks, die ironischer- weise noch immer New Road heisst. Es ist das meistbeschriebene Hotel Asiens; nicht nur Bücher wurden darüber geschrieben, sondern vor allem auch dort verfasst. Die Zahl der Literaten, die im Orien- tal abgestiegen sind, entspricht dem Inventar einer gut sortierten Buchhandlung. Das Hotel blickt mit einer Gelassenheit auf sein Alter zurück, die es bewusst jünger erscheinen lässt, und sogar darauf besteht, 1876 eröffnet worden zu sein, obwohl längst bekannt ist, dass es schon 1863 existierte. Aber was solls? Einer Dame (und Hotels sind doch alle grosse alte Damen, oder?) widerspricht man nicht – schon gar nicht, wenn es ums Alter geht. Das ursprüngliche Gebäude steht heute noch, obwohl es einmal ab- gebrannt und aus den Trümmern wieder auferstanden ist. Es wurde immer wieder erweitert, zuletzt 1976 mit dem gigantischen River Wing. So entstand der 400-Zimmer-Komplex, den wir heute kennen. Zur Sicherheit halten wir fest: Das Mandarin Oriental Savoy, Zurich blickt auf eine Geschichte bis 1838 zurück, bei Bangkok ist es 1863 (beziehungsweise 1876), und in Hongkong beginnt die Story 1963. Der Wai, der klassische Gruss der Siamesen, wie das Volk zur Gründungszeit des Orientals genannt wurde, ist universell. Man faltet die Hände vor der Brust und deutet eine Verbeugung an. Das Gegen- über tut es einemgleich. Coronakonformer geht es nicht. Dazu lächelt man, denn Thailand ist das Land des Lächelns – «obwohl sie nicht immer wissen, warum», scherzte Peter Ustinov, der oft hier war und ins Gästebuch schrieb: «Wenn ich abreise, bin ich schon wieder auf dem Weg zurück.» Ein netter Gedanke. Durch seine Nähe zum Palast und seine hohe Qualität war das Oriental von Anfang an das Gästehaus des Königshauses. Hier wur- den Staatsgäste untergebracht, Galadiners veranstaltet und Emp- fänge abgehalten. Auf das Oriental konnte sich der Palast verlassen. Der Sohn des letzten Zaren war Ende des 19. Jahrhunderts zu Gast; seine Mannschaft vernichtete Tag für Tag den Alkoholbestand des Hotels. Der St. Petersburger Juwelier Peter Carl Fabergé stellte hier seine filigranen Eier aus. Vaslav Nijinsky, der Gott des Tanzes, trat im Oriental auf. Der Amerikaner Daniel C. Sweeney revolutionierte die Plakatkunst und verpasste dem Hotel ein neues Image. Der britische Romancier Somerset Maugham zog ein wenig später seine Spur durch Südostasien. Heute gibt es wenige Hotels in der Region, die nicht eine Somerset-Maugham-Suite haben oder hat- ten. Zu Lebzeiten galt er als der grösste Dramatiker Englands. Seine scharfsinnige Beobachtung des colonial life findet sich in zahlreichen Novellen. Er reiste mit seinem Geliebten, dem Amerikaner Gerald Haxton, offiziell sein «Sekretär». ZuMaughams Zeit war seine Homo- sexualität noch ein Tabu. Natürlich war er auch im Oriental, wo er beinahe an Malaria starb. Die Hotelbesitzerin Maria Maire erfuhr von der ernsten Lage und war besorgt: «Ich kann nicht zulassen, dass er hier stirbt, wissen Sie. Sie müssen ihn ins Krankenhaus bringen.» Maugham lag nur durch eine Jalousie getrennt im Nebenzimmer, im Fieberdelirium. Zwei Wochen später ging es ihm besser. Er notierte: «Einmal nicht aufgepasst, und die Anopheles nutzte die goldene Chance.» Im Schat- ten der Veranda erholte er sich und ersann ein charmantes Märchen (siehe Seite 74). Noch eine Legende: Germaine Krull, eine deutsch-französische Fotografin, die heute weltweit Retrospektiven feiert, prägte in den 1920er-Jahren die Fotografiegeschichte mit ihren Reportagen und ihrer einzigartigen Bildsprache. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand sie im Oriental ein neues Betätigungsfeld und wurde dort Direktorin. Modeschauen im Mandarin wurden zum Treffpunkt der Upper Thousand. Das Mandarin gehörte zu den ersten Hotels, die eine Flotte von Luxus- limousinen betrieben, die rund um die Uhr für die Gäste bereitstand.
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