Mandarin Oriental Savoy
66 | 67 Andreas Augustin – Asiatisches Erbe | Du 932 Sie hatte das Herz am rechten Fleck und gründete als Erstes die Bam- boo Bar, und zwar mit Dresscode. Sakko und Krawatte waren Pflicht. Falls mal keine Krawatte zur Hand war, konnte man eine leihen. Krull liess aus billigem Satin, auf den Kinder bunte Hähne malten, Hun- derte herstellen. Sie waren immer vergriffen, und die Bamboo Bar ist bis heute als Jazzbar weltberühmt. Krull eröffnete ausserdem den Tower Wing und verdoppelte damit die Zimmeranzahl. Im letzten Stock befand sich das Restau- rant Le Normandie mit perfekter Aussicht auf den Fluss und die Stadt. Und feiner französischer Küche. Bocuse kochte auch mal dort. Die Ära Krull endete 1967, als ihr Geschäftspartner JimThompson spurlos im malaysischen Hochland verschwand und sie daraufhin nach In- dien weiterzog. Der nächste Besitzer war der Italiener Giorgio Berlingieri mit seinem thailändischen Partner Dr. Chaijudh Karnasuta. «Es gibt ein Hotel zu kaufen», sagte Dr. Karnasuta. «Vergiss es!», antwortete Ber- lingieri. «Es ist das Oriental !» – «Warum sagst du das nicht gleich? Natürlich kaufen wir es!» 1967 trat der Deutsche Kurt Wachtveitl auf den Plan. Berlingieri holte ihn nach Bangkok, wo er vor der Herausforderung stand, das Hotel weiterzuführen. Einige brillante Persönlichkeiten hatten das Hotel zuvor geleitet, darunter Nichthoteliers. Wachtveitl war Phi- losoph und Absolvent einer Schweizer Hotelfachschule – eine pas- sende Kombination. Unter seiner Leitung erlebte das Oriental einen Lauf. Hollywood- Stars, der europäische Hochadel und arabische Prinzen machten das Hotel zur ersten Adresse. Der neue River Wing wurde von Königin Sirikit persönlich eröffnet. Der S. E. A.Write Award, ein südostasiati- scher Literaturwettbewerb, wird jährlich vom Oriental gesponsert, denn das Hotel weiss, was es seinem Ruf schuldig ist. Das Oriental entwickelte eine Vielzahl unterschiedlichster Res taurants. Eine traditionelle Thai-Dance-Show mit Abendessen war der absolute Touristenmagnet. Das Lord Jim’s wurde zum eleganten Seafood-Restaurant. Die Terrasse änderte immer wieder ihre kulina- rische Identität, bleibt aber an lauen Abenden der Hotspot. Das Nor- mandie habe ich bereits erwähnt. Nun gibt es auch ein italienisches Restaurant namens Ciao. Und wer nicht in der Authors’ Lounge den Afternoon-Tea genossen und seine Scones mit Erdbeermarmelade und clotted cream bestrichen hat, kann kaum mitreden. Das Oriental wurde, wie schon erwähnt, zehn Jahre in Folge als bestes Hotel weltweit ausgezeichnet, dank seinem unvergleichli- chen Service, seiner luxuriösen Ausstattung und der Führung seines legendären General Managers Kurt Wachtveitl, der das Hotel über vier Jahrzehnte leitete. Er spielte eine entscheidende Rolle, diesen Spitzenstatus zu bewahren und es als eines der bekanntesten Hotels der Welt zu positionieren. Auch nachdem es 1991 den ersten Platz verlor, konnte das Hotel ihnmehrfach zurückerobern, darunter 1994, 1995 und 2000. Dass es in den ersten Jahren stets gewann, weil die abstimmenden Bankiers ihre Weltkonferenzen oft in Bangkok ab- hielten, ahnte die Leserschaft bestenfalls. Apropos Überraschung: Diese erlebt man als Gast im Oriental, wenn man nach einem kurzen Spaziergang in sein Zimmer zurück- kehrt und es perfekt aufgeräumt vorfindet. Die Floor-Butler haben ein eigenes Erkennungssystem entwickelt, um festzustellen, ob ein Gast im Zimmer ist oder nicht. Ein Zündholz wurde in die Tür ge- klemmt. Lag es auf dem Boden, wusste man, der Gast war ausgegan- gen. Heute übernimmt das ein Scanner. Man staunt über das durchgehende Informationssystem, bei dem jeder Mitarbeiter bestens über jeden Gast informiert zu sein scheint. Auf jeder Etage gibt es Floor-Butler, auf deren Theke ein Katalog der anreisenden Gäste liegt, wann immer möglich mit Porträts (was man eben so googeln kann, und Mandarin-Oriental- Gäste sind oft online zu finden). So setzt das Hotel weltweit Massstäbe im Service. Mit einem Personalverhältnis von 1:4,5 gelingt es, eine fast hundertprozentige Gästezufriedenheit zu erreichen. Über das Training der Mitarbeiter dringt wenig nach aussen ausser der schlichten Aussage: «Wir sagen unserenMitarbeitern einfach sehr genau, was sie zu tun haben», und im Nachsatz: «Und das wiederholen wir alle vierzehn Tage.» Das Oriental in Bangkok und das Mandarin in Hongkong haben die Hotelwelt, wie wir sie kannten, verändert. Sie verändern auch die Menschen, die in den Hotels arbeiten. Es ist zu einer Kaderschmiede geworden, einer Schule für höhere Söhne und Töchter. Die Über tragung des feinen Tons, die Vermittlung eleganter Lebensart an alle Mitarbeiterebenen schufen einen neuen Geist im Land, der aus dem Hotel hinausgetragen wird, bis in die Familien der Mitarbeiter. Das ist eben das Bildungs- und Förderpotenzial, das in der Hotellerie steckt. Lange war sogar eine der ehemaligen Generaldirektorinnen der beiden Hotels in Bangkok und Hongkong, Amanda Hyndman, auf Vorstandsebene der gesamten Hotelgruppe für die Rekrutierung neuer Talente verantwortlich. Die Mandarin Oriental Hotel Group betreibt derzeit 41 Hotels in 27 Ländern auf fünf Kontinenten, darun- ter in Regionen wie Nordamerika, Europa, Asien-Pazifik, Südamerika, Naher Osten und Afrika. Dieses globale Netzwerk sollte natürlich je- weils mit hervorragend ausgebildeten Fachkräften besetzt sein. Dass eine ehemalige Mandarin-Oriental- Hoteldirektorin, die heutige COO, genau dafür sorgte, untermauert einen gewissen Anspruch. Der amerikanische Zeich- ner Daniel C. Sweeney revolutionierte die Hotel- werbung, indem er nicht einfach ein Hotel dar- stellte, sondern dessen Stimmung assoziativ aufnahm. Eine romantisierte Darstellung des Lebens auf der Terrasse des Mandarin Oriental in Bangkok – die Hitze sieht man hier natür- lich nicht. Das Bild gestaltete die Künst- lerin Valerie O’Neil.
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