Mandarin Oriental Savoy
62 | 63 Andreas Augustin – Asiatisches Erbe | Du 932 dessen Stelle ein erstklassiges Hotel mit 500 bis 600 Zimmern zu er- richten: das Queens Hotel. Am 10. November wurde City Hotels Limi- ted durch die Anwaltskanzlei Messrs Deacons gegründet, um das Ho- tel zu betreiben. Zu dieser Zeit galt das Gloucester, das ebenfalls von der Gesellschaft betrieben wurde, als eines der besten Hotels in Asien. Der klassische Leuchtturmder Hongkonger Hotellerie – und erbitterte Konkurrent – stand auf der anderen Seite des Hafens: The Peninsula. Im Jahr 1961 wurden den bestehenden Aktionären der Hong- kong Land Company Ltd. 299 680 Aktien zu je 5 HK$ angeboten. Zu den Direktoren zählten Hugh Barton, Harold Benham, Henry Cleland, Richard Lee, Donovan Benson, Man Wai Lo und William Knowles, während Anthony «Tony» Paul Ross als Sekretär fungierte. 1962 wurde der Projektname Queens Hotel gestrichen und offi- ziell in Mandarin geändert, was angesichts des drohenden Verlusts der Kronkolonie an China ein kluger wie logischer Schritt war. Das Architekturbüro Leigh&Orange wurde mit dem Bau des Hotels be- auftragt. Originell war, dass ein Filmdesigner, Don Ashton, mit der Gestaltung des Interieurs betraut wurde – er schuf eine filmreife Atmosphäre. Zu Ashtons preisgekrönten Filmen gehörte The Bridge on the River Kwai (1957). Am 1. September 1963 fand das Soft Opening des Mandarins statt. Am selben Tag stellte das Gloucester nach dreissig Jahren seinen Betrieb ein. Die offizielle Eröffnung des Mandarins mit 544 Deluxe- Zimmern folgte am 25. September 1963 mit dem Red Cross Centenary Ball. Die Hongkonger Hotels überboten sich in jenen Jahren mit fei- nen Restaurants und in and to be places. Als The Peninsula das Gaddie’s eröffnete, war es das feinste Restaurant east of Suez. Im Mandarin folg te 1968 der Harbour Room im 25. Stock, wo unter anderem die deut schen Showstars Alice und Ellen Kessler, Barry Humphries und «die Königin der Nachtklubs» Eartha Kitt auftraten. In den 1970er-Jahren setzte Hongkong seinen wirtschaftlichen Aufstieg fort und etablierte sich als Asiens Handels- und Finanzzen- trum. In Hongkong wurden neue Massstäbe der Hotellerie gesetzt. Hotelgäste wurden bei ihrer Ankunft vom hoteleigenen Meet-and- Greet-Manager am Flughafen empfangen. Reisepass und Gepäckab- schnitte wurden ihnen abgenommen, die Gäste an den Warteschlan- gen vorbeigeführt und schnell abgefertigt. Das Gepäck verschwand auf magische Weise im Kofferraum eines Rolls-Royce. Ein weiss livrierter Chauffeur öffnete die Tür, reichte kühle Erfrischungstücher und bestellte telefonisch den gewünschten Cocktail im Hotel vor. Man versank in wohligem Leder und schwebte vom Flughafen Kai Tak in die Stadt. Kurz vor der Ankunft funkte der Fahrer voraus. Beim Aussteigen wurde man mit Namen begrüsst: «Welcome home!» Drin- nen wartete bereits der Drink: ein Mandarin- Cocktail – Wodka, Cam- pari und Zitronensaft –, natürlich auf Eis. War es kühler, dann gab es den Mandarin- Punch: dunkler Rum, Mandarinenlikör, Orangen- und Ananassaft. Das war weltweit einmalig. Dem westlichen Gast eröffnete sich eine neue Welt der Hotellerie. Das Gast-Personal-Verhältnis lag bei 1:4. Das war in Asien finanzierbar. In Europa hätte es die Hotellerie in den Ruin getrieben. Das Mandarin nannte sich nun Mandarin International Ho- tels Ltd. Die Gesellschaft in Hongkong wollte in Südostasien expan dieren und hatte ein Auge auf das Oriental in Bangkok geworfen. Die Vereinigung der beiden Hotelnamen 1974 war eine standesgemässe Hochzeit in den höchsten (Hotel-)Adelskreisen. Ab nun hiess das Hotel Mandarin Oriental. 1975 wurde Andreas Hofer General Manager des Mandarins in Hongkong. Zu dieser Zeit regierte in Bangkok bereits der junge Kurt Wachtveitl. In den 1980er-Jahren kamen die internationalen Auszeichnun- gen. Magazine wie der Institutional Investor und Harpers&Queen ent- deckten, dass ihre Leserschaft ganz begierig auf Hotelrankings war. So begann das jährliche fröhliche Auflisten der besten Hotels, die sich abwechselnd über Auszeichnungen freuen durften. Das Manda- rin schielte ein wenig eifersüchtig nach Bangkok, wo sein Schwester- hotel nach der Einführung der Umfrage 1981 zehn Jahre in Folge als bestes Hotel der Welt bewertet wurde. 1980 war Hongkong eine der zehn grössten Volkswirtschaften der Welt. Das Hotel passte sich den sich verändernden Zeiten an, und 1981 fügte China Artikel 31 in seine Verfassung ein, der Details über die zukünftige Verwaltung von Hongkong enthielt, das nach 1997 eine Sonderverwaltungszone Chinas werden sollte. Irgendwie war das jedem klar, aber wahrhaben wollte man es nicht. Eines Tages, 1997, würde Schluss sein. In den diversen Tempeln der Kulinarik des Mandarins arbeiteten die besten Köche derWelt. Es wurden die feinsten Enten gebraten, Tau- sende Scheiben Lachs filetiert, Fines-de-claire-, Bélon-, Colchester- und Loch-Fyne-Austern geschlürft. Champagner und Wodka waren gerade gut genug, um nachzuspülen. Kaviarmenüs führten zu einem Verbrauch von Störeiern, der nur vom Luxusliner QE2 übertroffen wurde. Eines der Kaviar-Set-Menüs trug den Titel Simone de Beauvoir (1908–1986). Chinesischen Gästen und Expats dürfte es geschmeckt haben, auch wenn viele wahrscheinlich keine Ahnung hatten, wer die namensgebende Philosophin war. Allerdings: Unterschätzen sollte man die Chinesen nicht. Abendländische Philosophie ist weitverbrei- tet. Ein chinesischer Freund überraschte mich einmal mit einem Mo- nolog über Kant und Hume. Als er fertig war, war das Essen kalt. Die Liste der berühmten Gäste ist endlos… lassen wir das. Das Hotel war nicht nur ein Filmset, es war eine ständige Party. Man wan- derte im Mandarin- Foxtrott von einer Bar zur nächsten, fuhr im Lift rauf und runter und begegnete den abenteuerlichsten britischen Expats und Dauerbewohnern des Hotels. Der Service erstreckte sich bis ins kleinste Detail, sogar auf das stille Örtchen. Das Signal der Spülung in der Herrentoilette bedeutete, dass der Butler das warme Wasser im Handwaschbecken aufdrehte, damit man sich die Hände waschen konnte, einem das Handtuch reichte und den Staub vom Sakko bürstete. Merke: Immer eine kleine Banknote parat haben. Zur feierlichen – oder zähneknirschenden – Übergabe von Hongkong an China nach 150 Jahren am 30. Juni 1997 waren alle Hotelzimmer ein Jahr im Voraus ausgebucht und bezahlt. Die Über- gabe Hongkongs an China am 1. Juli 1997 markierte einen der bedeu- tendsten geopolitischen Momente des 20. Jahrhunderts. Die briti- sche Kolonie, die seit 1842 unter britischer Verwaltung gestanden hatte, wurde offiziell an China zurückgegeben. Diese Zeremonie mar- kierte das Ende einer Ära, die Hongkong als globalen Handels- und Finanzplatz geprägt hatte, und eröffnete ein neues Kapitel unter chi- nesischer Souveränität. Prinz Charles vertrat an diesem Tag die britische Monarchie, begleitet von Premierminister Tony Blair, Aussenminister Robin Cook und dem letzten Gouverneur von Hongkong, Chris Patten. MargaretThatcher, die die Sino-British Joint Declaration mitverhandelt hatte, war nicht anwesend, da sie seit ihrem Rücktritt 1990 keine offizielle Rolle mehr innehatte. Ihre Verhandlungen mit Deng Xiao- ping 1982 führten zur Unterzeichnung des Abkommens 1984, das Hongkongs Rückgabe und das Prinzip Ein Land, zwei Systeme festlegte, um Hongkongs Autonomie für fünfzig Jahre zu sichern. Prinz Charles wohnte im Mandarin Oriental Hong Kong, der be- vorzugten Residenz für Mitglieder der britischen Königsfamilie. Die Zeremonie, die in strömendem Regen stattfand, war von Symbolik und Emotionen geprägt. Um Mitternacht wurde die britische Flagge feierlich eingeholt, während die chinesische Flagge unter militäri- schen Ehren gehisst wurde. Chris Patten verliess in einer feierlichen Prozession Hongkong an Bord der königlichen Jacht Britannia, wo- mit die über 150-jährige britische Herrschaft endete. Ein zutiefst emotionaler Moment, der Abschied von einer Ära, die Hongkong zu einem globalen Handelszentrum und Symbol westlicher Freiheit ge- macht hatte. Gleichzeitig rückten die chinesischen Militärtruppen umMitternacht ein, was den Beginn einer neuen Ordnung markierte. Die Stadt veränderte sich nach und nach. In den folgenden Jah- ren verschärfte die chinesische Regierung ihre Kontrolle über Hong- kong, was zu Protesten und Spannungen führte. Hongkong, einst ein Symbol für Freiheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit, steht heute unter strenger Kontrolle Pekings, was viele als Bruch der ursprüngli- chen Vereinbarungen sehen. Hongkong, wie man es einmal kannte, existiert heute nicht mehr. Trotzdem blieb das Mandarin durch die Leitung von General direktoren wie Peter French, Gian Carlo Balenieri, Seamus McManus und Michael Hobson stets an der Spitze. Jonas Schürmann kam aus der Kaderschmiede des Orientals in Bangkok. Amanda Hyndman und Greg Liddell waren sowohl in Hongkong als auch in Bangkok Gene- raldirektoren. Der Generaldirektor während der Übergabephase von Mitarbeiter des Man- darins im Jahr 1963 . Bis heute gelten Mit arbeiter des Mandarin Oriental als perfekt ausgebildet und als Personal auf höchstem Niveau. Oben: Die Bars des Mandarins in Hongkong waren und sind wichtige Treffpunkte für briti- sche Expats. Hier wurden so manche ausgelassene Partys gefeiert. Im Bild die Captain’s Bar in den 1960 er-Jahren. Mitte: Anfangs stand das Mandarin noch am Hafen von Hongkong. Nachdem man dort dem Meer Land abgewonnen hat, liegt es nun ein paar Strassen vom Wasser entfernt. Unten: Hongkong in den 1960 er-Jahren – die Strassenbahn nach briti- schem Vorbild doppel- stöckig.
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