Mandarin Oriental Savoy
16 | 17 Andreas Augustin – Das Savoy leuchtet wieder | Du 932 als Hoteldirektor modernisieren muss. Denn das einst glanzvolle Hotel zeigt einen deutlichen Investitionsrückstand: Die Einrichtung ist veraltet, die Zimmer ohne fliessendes Wasser, fehlende Bäder, dunkle Gänge und veraltete Heizungen. Die Gästezahlen sinken. Eine Aktiengesellschaft entsteht, um ein grundlegendes Face- lift zu finanzieren. 1907 beauftragt Direktor Jakob Schwarz die Firma Pfleghard und Haefeli mit dem Um- und Erweiterungsbau. Die klas- sischen Säulen der Fassade zum Paradeplatz werden entfernt, das Gebäude umeinen Stock aufgestockt und diemächtigen Säulen durch schlanke Säulen mit ägyptischen Kapitellen ersetzt. Ein Säulen- kapitell des alten Baus bleibt im Vestibül sichtbar. Am 13. Juni 1908 wird das Hotel mit 170 Zimmern neu eröffnet. Die Neue Zürcher Zeitung berichtet: «Das alte Baur en Ville zeigt sich in neuem Gewand, ver- jüngt und verschönert. Es wird weiterhin ein bedeutendes Glied im Hotelgewerbe sein und sein Ansehen in der internationalen Handels- und Touristenwelt bewahren.» Das Hotel erfährt auch eine Namensänderung: Aus dem Hôtel Baur wird 1907 das Grand Hotel et Baur de Ville, und 1910 erfolgt die Umbenennung in Savoy Baur en Ville. Im Ersten Weltkrieg ist das Hotel von 1914 bis 1918 gut gebucht und dient vielen Flüchtlingen und Geschäftsleuten aus Europa als Wohnstätte. Langzeitgäste prägen das Bild, und viele Auslandschwei- zer finden hier Zuflucht. Für Unterhaltung sorgt unter anderem alle Jahre die Frühlingsmodeschau des Modehauses H. Strohmeier aus Basel. Noch feiert 1915 die österreichisch-ungarische Kolonie imHotel den Geburtstag des Kaisers von Österreich mit über hundert Gästen. Ab 1918 nicht mehr. 1923 wird das Hotel zumZunfthaus. Hier finden die Vereinigten Zünfte zur Gerwe und zur Schuhmachern eine neue Heimat. Sie rich- ten sich ein edles Zunftzimmer ein, das für ihre Zusammenkünfte stets parat steht. Auch der Savoy Club, ein 1890 von zurückgekehrten Zürchern gegründeter Herrenklub nach angelsächsischem Vorbild, zieht 1923 ins Hotel ein. Das Haus wechselt den Besitzer. Zum Anlass der Neuemission von 200000 Franken Stammaktien im Jahre 1925 zeigt die Schweize- rische Kreditanstalt erstmals Interesse am Savoy Baur en Ville und schickt einen Vertreter in den Verwaltungsrat. Es ist das Jahrhundert der grossen Hoteliers, die mit dem Savoy Baur en Ville assoziiert werden: Cornelius Schober, Oskar Manz, Her- mann Duffing, Fritz Giger oder Robert Frick. Mit der Familie Ferdin- and Michel wird ab 1930 das Hotel nicht mehr in Regie betrieben, sondern ist verpachtet. Erst unter Manfred und Christina Hörger ab 1985 läuft es wieder in Regie. Dann folgen in diesem Jahrhundert als Direktoren Werner Knechtli und Rolf Brönnimann. Sie alle prägen das Hotel. Im letzten Jahrhundert steht die Schweiz im Schatten des Zwei- ten Weltkriegs, der an ihren Grenzen tobt. Der Tourismus, eine der tragenden Säulen der Schweizer Wirtschaft, bricht fast vollständig ein. Gleichzeitig wächst die Bedeutung der Finanzdienstleistungen, zu denen auch die Banken und Versicherungen zählen sowie Tochte- runternehmen von Industrieunternehmen. Das Savoy Baur en Ville leidet unter den ausbleibenden inter- nationalen Gästen. Durch die globale Finanzkrise und den Krieg bleiben die Touristen aus, und der einstige Glanz des Grandhotels verblasst vorübergehend. Trotz des wirtschaftlichen Drucks bleibt das Baur en Ville ein fester Bestandteil des Schweizer Luxus- und Hotelgewerbes, auch wenn es den Ruf vergangener Jahre erst nach demKrieg wiedererlangen kann. Dann kommen sie wieder, die Oppen- heimers und Guggenheims, Rothschilds und all die klingendenNamen. In den späten 1960er-Jahren bekommt das Savoy Baur en Ville – alle nannten es nur Savoy – einen ganz besonderen Besuch. Marc Chagall, fast achtzig Jahre alt, wird gebeten, die Glasfenster des Fraumünsters zu gestalten. Der Auftrag ist ungewöhnlich, denn Chagall ist ja vor allem für seine farbenprächtigen Gemälde und nicht für Kirchen- fenster bekannt. Doch das Projekt zieht ihn in den Bann. Von 1967 bis 1970 arbeitet Chagall an fünf monumentalen Chorfenstern. Farben- prächtig und von biblischen Geschichten inspiriert, erzählt jedes der fast zehn Meter hohen Fenster eine Geschichte: von der Schöpfung, von Propheten, von Moses und vom Frieden. Besonders das Jakobs- fenster mit der Szene der himmlischen Leiter wird oft bewundert. Die Fenster werden am 6. September 1970 feierlich eingeweiht. Chagall selbst ist anwesend und meint, dass er sich der Herausforderung ge- stellt habe, weil die Schönheit Zürichs und des Fraumünsters ihn inspirierte. So wie für Chagall damals ist es auch heute für die Gäste des Hotels nur ein Sprung über die Strasse. Dann passiert das Unglaubliche: Zwischen 1975 und 1978 schliesst das Hotel seine Türen, um sie gleich darauf mitsamt dem ganzen Hotel einzureissen. Die Fassade wird sorgfältig demontiert, ummit historischer Genauigkeit rekonstruiert zu werden. Dann kom- men Abbruchbirne und Bulldozer. Das gesamte Hotel wird dem Erd- boden gleichgemacht. Dann wird es nach aussen hin wieder neu auf- gebaut. Die Fassade wird wieder angebracht. Jetzt verfügt das Savoy Baur en Ville über 104 Zimmer und Suiten und die klassischen Veranstaltungsräume. Aber es ist eben alles neu. Und nun gehts so richtig los. Das Direktorenehepaar Manfred und Christina Hörger sorgen ab den 1980er-Jahren für einen stilvollen Hotelbetrieb mit modernem Touch. Christo und Jeanne-Claude woh- nen im Savoy. Sie haben gerade den Pont Neuf in Paris verpackt. Bei so einemHotel ist ja das Aussergewöhnliche die tägliche Routine. Da sehen wir den Schachweltmeister Kasparow, wie er in einem Blitz- schachturnier in der Hotelhalle gegen zwanzig Leute antritt. Roger Federer steht schon mal an der neuen Bar en Ville. Elton John huscht nach einem Konzert vorbei in sein Zimmer. Ein lasziver Transvestit und ein vollbärtiger Pianist entern die Bar und vertreiben den Hauspianisten Luciano Bianchini. Die «Dame» krächzt zumÄrgernis aller Gäste ein paar Lieder, ehe die beiden sich zu erkennen geben: Es sind der Entertainer Harald Schmidt und Udo Jürgens, sein Mann am Klavier. Der Enkel des letzten österreichischen Kaisers Otto von Habs- burg wird genauso herzlich begrüsst wie ehemalige oder regierende Kanzler, Premierminister und andere Regenten. Auf dem Weg nach Davos steigt Michael Gorbatschow hier ab. Noor, die Königin von Jor- danien, besteht bewusst auf die Etikette, dass Hoteldirektor Hörger sie persönlich von ihrer Suite abholt und zum Ballsaal geleitet, wo ein Galadinner zu ihren Ehren gegeben wurde. Unvergessen die ara- bische Prinzessin aus den Emiraten, die über Jahre im Frühling mit einer Entourage von bis zu fünfzehn Leuten anreist. Jeden Tag gibt sie über eine Dolmetscherin ihre sehr präzisen Bestellungen für das Mittag- und das Abendessen bekannt. Dann werden alle Bewoh- ner dieser Etage – sie hat selbstverständlich die ganze Etage für sich gemietet – zusammengerufen, und man isst miteinander. Dann ist da noch der wunderbare Keith Jarrett. Der US-ameri- kanische Pianist zählt zu den diszipliniertesten Künstlern. Er bringt immer seine eigene Matratze mit ins Hotel. Er produziert seine eige- nen Smoothies im Zimmer. Bei seinem Konzert in Zürich besteht er darauf, dass der Kaffee vom Savoy in der Pause in seiner Garderobe serviert wird. Dann pausiert diese Geschichte. Im Dezember 2019 soll das Haus geschlossen und wieder einmal vollkommen renoviert werden. Es wird allerdings Juni 2020. Die Coronapandemie erreicht ihren ers- ten Höhepunkt. Der Tourismus kommt zum Erliegen. Keine Buchun- gen mehr, das Hotel schliesst. Die Renovierung startet trotzdem. Der Eröffnungsabend im Dezember 2023 zeigt das neue Hotel dann wieder in gewohnter Bestform. Weihnachtlich kühl die Dach- terrasse, doch bald werden hier Mandarinenbäumchen blühen, so wie einst der Orangenhain von Johannes Baur. Das Orsini ist wie selbstverständlich ein Spitzenlokal. Hier hat Chef Antonio Guida vom Zwei-Sterne-Michelin-Restaurant Seta im Mandarin Oriental Mailand seine Finger im Spiel und serviert vorzügliches Risotto. In der Savoy Brasserie & Bar stauen sich die Stauner. Die Lifte sausen auf und ab, alles wird kritisch beäugt und freundlich bewertet. Tristan Auer, der Pariser Innenarchitekt, hat ein Savoy abgeliefert, das sich nicht in altmodischemKitsch in Reminiszenz auf ein Grandhotel aus dem Jahr 1838 ergeht. Wir sind im Heute gelandet. Wohlbehalten. Wie ein Bienenstock kommen in der Folge alle Bewohner wie selbst- verständlich wieder ins Hotel. Die Zünfter kehren zurück, das Sechse- läuten nimmt für sie hier beim Hotel wie schon früher seinen An- fang, wie schon 1862 zieht die grosse Parade der Zürcher Zünfte am Paradeplatz und amHotel vorbei, der Wagen mit dem riesigen Stiefel der Gerwe und Schuhmachern ist nicht zu übersehen. Dann wird in allen Sälen gefeiert und gelacht, und das Hotel lebt. Man verabredete sich für die nächsten Tage mal. «Wir müssen unbedingt lunchen! Oder einen Apéro.» Zum Abschied ruft man sich zu: «Me gseet sich im Savoy! » Und Johannes Baur sitzt da oben irgendwo auf Wolke sieben und freut sich. Andreas Augustin ist Autor von über siebzig Hotelmonografien. Seit 1986 leitet er The Most Famous Hotels in the World (famoushotels.org ), die einzige Organisation der Welt, die die Geschichte berühmter historischer Hotels wissen- schaftlich recherchiert und dokumentiert. In seinem Buch beschreibt er die Geschichte des Hôtel Baur und dessen Entwicklung zum Mandarin Oriental Savoy, Zurich. Unverkennbar der mar- kante Bau des Mandarin Oriental Savoy im Her- zen der Stadt.
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