Mandarin Oriental Savoy

44 | 45 Andreas Augustin – Wo Lola Montez vergeblich auf ihren Geliebten wartet |  Du 932 der beginnenden Industrialisierung, aber auch der Höhepunkt des Biedermeiers: die Suche nach Ruhe, Ausgeglichenheit und der Rück­ zug ins Privatleben, das hübsch und zweckmässigmöbliert wurde. Das reisende Bürgertum, das sich den Strapazen einer Reise stellt, erwartet angemessene Unterkünfte, wird jedoch häufig enttäuscht. In Europa entstehen einige Grandhotels. London hat um 1775 nur dem Namen nach das erste Grand Hotel, doch von grand ist in keiner Hinsicht die Rede. Alle grossen Hotels, die sich heute auf vorsintflutliche Eröffnungsjahre berufen, müssen zugeben, dass sie meist als bescheidene Gasthöfe begannen. Zu ihrer heutigen Grösse gelangen sie erst im Laufe der Zeit. Auch in Deutschland und Italien – beide in Fürstentümer zersplittert – gibt es um 1800 rudimentäre Ansätze eines Hotelwesens. Wirtshäuser und Schankbetriebe exis­ tieren wohl schon so lange wie die berühmte Herbergssuche, und der erste Hotelleriewitz («Hätte ich gewusst, dass es sich um den Er­ löser handelt, hätte ich Ihnen die Penthouse-Suite gegeben!») macht ebenfalls die Runde. In Genf wurde das Hotel des Bergues am 1.Mai 1834 eröffnet, das erste Grandhotel der Schweiz. Es verfügt über eine Beletagemit Salons und eleganten Aufenthaltsräumen, Zimmer auf drei Stockwerken und einige unter dem Dach für die Dienerschaft. Hier kann man den noblen Reisenden samt seiner Dienerschaft bewirten. Doch Reisen ist noch lange kein breitenwirksamer Wirtschaftsfaktor. Zentraleuropa, darunter Regionen in Norditalien, Österreich, Süddeutschland und der Schweiz, erlebt eine fatale Auswanderungswelle. Wirtschaftliche Not, Überbevölkerung sowie politische und religiöse Spannungen treiben junge Männer aus ländlichen Gebieten zur Ausreise. Sie wan­ dern nach Nordamerika, besonders in die USA, wo sie landwirtschaft­ liche und wirtschaftliche Chancen suchen. Auch Lateinamerika, vor allem Brasilien und Argentinien, wirbt um Siedler. Einige zieht es in das Zarenreich Russland. Zuckerbäcker, Zimmerleute, Uhrmacher und Schuster – jeder geschickte Handwerker ist gefragt. Den Auswanderern kommen an den Grenzen fremde Menschen entgegen, die genau dorthin wollen, wovon sie fliehen: die einsamen Gebirgstäler. Es sind die ersten Touristen. Tourismus als segensbrin­ gend imSinne des finanziellen Gewinns zu betrachten, ist noch lange keine Selbstverständlichkeit. JohnMurray, der englische Reiseführer-­ Herausgeber, wird zum viel beachteten Pionier der Alpen. Seine de­ taillierten Beschreibungen in den 1830er-Jahren locken die ersten Bergsteiger in die Region der Viertausender. Engländer sind tatsäch­ lich die Pioniere. Ihr Erscheinen wirkt in jeder Hinsicht fremdartig: ihre Kleidung, die ersten Koffer, die Sprache. Anfangs begegnet man den Fremden mit Misstrauen. Es bedarf eines Mannes Gottes wie des Saaser Pfarrers Johann Imseng, der den Tourismus von der Kanzel predigt, um die Menschen im Tal von der Armut zu befreien. Er er­ kennt, dass es günstiger ist, den Fremden Quartier und Essen zu ver­ kaufen, als das Tal zu verlassen, um anderswo Arbeit zu finden. Wer nicht reisenmuss, vermeidet es lieber. Privatleute verreisen kaum, Händler hingegenmüssen, und Künstler lockt das Honorar an einem fremden Hof, in einer anderen Stadt. Reisen ist beschwerlich, ungemütlich und gefährlich. Goethes Italienische Reise gleicht fast einer ständigen Abrechnung mit der italienischen Gastronomie: «Das Gasthaus ist gut, aber die Bedienung schlecht.» Oder: «In Rom sind die Gasthöfe überfüllt, und man muss sich oft mit wenigem be­ helfen. Die Bedienung ist träge …» Und als Steigerung ins Bodenlose: «Die Gasthöfe in Neapel sind einfacher als in Rom.» In Verona findet er: «Das Essen hier ist armselig, und der Wein, der uns gereicht wird, ist kaum trinkbar.» Doch die grossen Künstler lassen sich davon nicht abhalten. Franz Liszt, bereits ein gefeierter Pianist, revolutioniert das Klavier­ spiel mit Werken, die sowohl technisch als auch emotional neue Höhen erreichen. Er durchquert – wie schonMozart oder Haydn Jahr­ zehnte zuvor – den Kontinent kreuz und quer. Zum Beethovenfesti­ val 1845 reist er aus Paris nach Zürich und wohnt im Hôtel Baur. Zu­ vor überrascht er das Zürcher Publikummit dem Versprechen, einen etwaigen Verlust seiner Konzerte während des Beethovenfestivals aus eigener Tasche zu tragen. Er hatte auf die diversen Defizite des geplanten Veranstaltungsortes hingewiesen. Vorgesehen war näm­ lich die Militärreitbahn, die dem Künstler als Konzertsaal gänzlich ungeeignet erschien. Seine gut argumentierten Einwände veranlas­ sen die Verantwortlichen in Zürich, sofort mit dem Bau eines ganz neuen Gebäudes gegenüber der Universitätsbibliothek zu beginnen. Zwar waren in die Adaptierung der Militärreitbahn bereits 2000 Taler geflossen, doch für das Beethovenfestival schaffte es eine 150-köp­ fige Mannschaft, die 4000 Taler teure neue Halle für Liszts Auftritt fertigzustellen. Johannes Baur, der eifrige Hotelier, lässt einen neuen Konzertflügel anliefern. Der Künstler übt darauf zu später Stunde, sehr zur Freude der Hotelgäste. Charles Dickens war ebenfalls im Hôtel Baur zu Gast. Aber nur für eine Nacht. In dieser setzte er sich an einen kleinen Schreibtisch und schrieb im Schein einer flackernden Kerze einen Brief, der den Satz enthält: «Late. All well, and all asleep.» Das Bild stammt aus dem Jahr 1845 .

RkJQdWJsaXNoZXIy NzM1NTM1