Mandarin Oriental Savoy

50 | 51 Andreas Augustin – Wo Lola Montez vergeblich auf ihren Geliebten wartet |  Du 932 Robert Schumann etabliert sich in diesen Jahren als einer der füh­ renden Romantiker, der die Grenzen der Musiksprache erweitert. Seine Frau, Clara Schumann, eine berühmte Pianistin und Kompo­ nistin, trägt massgeblich zur Anerkennung der Werke ihres Mannes sowie ihrer eigenen Kompositionen bei. Beide sind in den frühen Gästebüchern der grossen Hotels zu finden. Clara kommt nach Ro­ berts Tod oft nach Zürich, gibt viel umjubelte Konzerte und wohnt immer im Hôtel Baur. In den Zürcher Buchhandlungen sind Namen wie Goethe und Schiller, Victor Hugo mit Der Glöckner von Notre-Dame, Honoré de Balzac, Alexandre Dumas mit Die Drei Musketiere, Nikolai Gogol mit Der Revisor und der Schotte Walter Scott vertreten. In England eta­ bliert sich ein Vielschreiber: Charles Dickens wird zur prägenden Fi­ gur. Sein Roman Oliver Twist ist eine eindringliche Darstellung der sozialen Missstände in der sich rapide industrialisierenden Gesell­ schaft. Dann veröffentlicht Dickens A Christmas Carol, die grösste Weihnachtsgeschichte der Literaturgeschichte, die das Thema der sozialen Gerechtigkeit und menschlichen Güte weiter in den Fokus rückt. Dickens’ Einfluss auf die Literatur und Gesellschaft des 19. Jahr­ hunderts ist enorm. Nach Erscheinen der Weihnachtsgeschichte fliessen plötzlich Spenden für Kinderheime, Arbeitgeber geben ihren Leuten zu Weihnachten erstmals frei und spendieren ihnen einen Festschmaus. Dickens, Ehemann und Vater vieler Kinder, ist ein grosser Reisender, der mit seiner Familie den Kontinent besucht. Am 15. Juni 1845 betritt er auf der Durchreise Zürich und verbringt im Hôtel Baur eine einzige Nacht auf seinemWeg von Italien nach Brüs­ sel. Begleitet von seiner treuen Ehefrau Catherine und seinen Kin­ dern – Charley, Mamie, Katey, Walter und dem kleinen Francis –, ist Dickens’ Gefolge alles andere als gewöhnlich. Unter ihnen befinden sich Catherines Schwester Georgina Hogarth, sein loyaler Freund John Forster, der talentierte Künstler Daniel Maclise und der scharf­ züngige Dramatiker Douglas Jerrold, zusammen mit zwei Dienern. Dreizehn Seelen, die durch die Nacht ziehen, eine Karawane voller Brillanz und literarischem Glanz. Doch trotz Dickens’ internationalem Ruhm zuckt Zürich nicht einmal mit der Wimper. Kein Mensch erkennt den berühmtesten Autor seiner Zeit, als er unauffällig durch die Stadt spaziert. In dieser Nacht, nach der langen Reise, als die Kinder endlich schlafen und der Rest seiner Gruppe sich zurückzieht, bleibt Dickens als Letzter wach. Er setzt sich an einen der filigranen Schreibtische im Leseraum des Hôtel Baur. Im matten Kerzenschein verfasst er einen Brief an den Schweizer Banker Émile de la Rüe, den er mit den ruhigen Worten beendet: «Late. All well, and all asleep.» Die Zahl der Gäste imHôtel Baur ist so lange wie bunt. Der schil- lernde Herzog von Braunschweig, der als Duke of Brunswick Genf Millionen hinterlassen wird. Die Geliebte des bayerischen Königs Lola Montez, die im Hotel auf ihren Geliebten wartet. Vergeblich. Die holländische Königin, die vor ihrem exhibitionistischen Ehe­ mann, dem König flüchtet, der den wenig schmeichelhaften Beina­ men «Gorilla» trägt. Die Annalen des Hotels sind gefüllt mit solchen Geschichten, denen die Gnade des längst Vergangenen widerfährt: Sie dürfen erzählt werden. Johannes Baur hat in der Zwischenzeit ein zweites Hotel eröffnet: das Baur au Lac. Direkt am See gelegen, soll es zunächst als Ferienhotel fungieren – «weg vom Trubel der Stadt». Das Zeitalter der Industrialisierung nimmt Fahrt auf, nahezu täglich gibt es technische Innovationen. Einige liegen buchstäblich noch in den Windeln, der spätere Luftschiffpionier Ferdinand Graf von Zeppelin wird gerade erst geboren. Seine Mutter, Gräfin Amélie Françoise Pauline Zeppelin, ist fünf Monate nach seiner Geburt im Hôtel Baur zu Gast. Die Zeppelins aus Konstanz am Bodensee werden Stammgäste – ihre Namen tauchen über Jahrzehnte in den Gästelisten auf. Bald werden sie auf ihre ganz eigene Weise nach Zürich «fahren». Das bedeutendste Verkehrsmittel der Neuzeit beginnt seine dampfenden und fauchenden Ausfahrten. Gepriesen und gefürchtet, rüstet sich das Eisenbahnzeitalter für seinen grossen Auftritt. Statt am Paradeplatz vor dem Hôtel Baur wird der Hauptbahnhof Zürichs jedoch anderswo errichtet. Einige hatten sich verkalkuliert. Als um 1858 Gerüchte aufkommen, dass der Bahnhof vor dem Hotel gebaut wird, sichert sich der Zuckerbäcker David Sprüngli vis-à-vis am Para­ deplatz eine Liegenschaft. Doch der Bahnhof entsteht nicht hier, da­ für wird die ab 1864 erbaute Strasse Bahnhofstrasse heissen und zur begehrtesten Einkaufsmeile der Welt werden. Sprüngli bleibt zum Glück dennoch am Paradeplatz. An der Rückseite des Hôtel Baur befindet sich das Zum Meierli, ein gemütliches Lokal. Es wird 1858 nach dem Attentat des Italieners Orsini auf Kaiser Napoleon III. in Orsini umbenannt. 1859 wird Zürich als Ort internationaler Zusammenkünfte auf neutralemBoden bekannt. Nach der für Österreich unglücklich verlaufenen Schlacht von Solfe­ rino zwischen Kaiser Franz Josef und Kaiser Napoleon III. wird in Zürich der Friedensvertrag ausgearbeitet. Die französischen und öster­ reichischen Gesandten logieren im Baur au Lac, die Sardinier im Baur en Ville. Somit wohnen alle Beteiligten in einem der Häuser von Johannes Baur. Die Konferenz, die vom8. August bis zum10.November andauert, sichert Baur die Tilgung seiner beträchtlichen Hypotheken. 1859 wird Baur und seinem SohnTheodor vom Zürcher Stadtrat die Ehrenbürgerschaft verliehen, und ein Jahr später werden sie in die Zunft zur Waag aufgenommen. 1860 wird Baur zum Mitglied des städtischen Baukollegiums ernannt. Für den 65-Jährigen ist es nun Zeit, sich zurückzuziehen. Bis zu seinem Tod widmet er sich seinem Gemüsegarten, mit dessen Erträgen er seine Hotels beliefert. 1865 stirbt Johannes Baur. Sein Sohn übernimmt das Hotel am See, sei­ ne Tochter das Stammhaus Hôtel Baur. In der Wiener Zeitung liest man: «Der Tourismus lockt Reisende nach Zürich, weil es dort das Hôtel Baur gibt.» Nun, das trifft auf jeden Fall zu. Roger Federer, Schweizer Tennis-Ikone und JURA-Markenbotschafter seit 2006. jura.com Geniessen wie Roger Federer: zum Beispiel mit der J10, die Hot Brew, Cold Brew und sogar Sweet Foam beherrscht. «Frisch gemahlen, nicht gekapselt.»

RkJQdWJsaXNoZXIy NzM1NTM1